
Aequilibrium, Kontext, Methode und Wirkung
Die Bezeichnung meiner Methode leitet sich vom lateinischen Wort für Gleichgewicht ab, wie Sie sicher erkannt haben. Es handelt sich um ein System von Übungen, welche mit Pferden durchgeführt werden. Deshalb sind sie nur für jene geeignet, welche sich zu Pferden hingezogen fühlen oder schon Pferde besitzen und Menschen die trotz Angst oder Skepsis gewillt sind, sich den Zugang zu diesen besonderen Tieren zu erschließen.
Darauf, weshalb ich mich für das Gleichgewicht als Kernaussage entschieden habe, möchte ich näher eingehen. Körper und Geist stehen in enger Resonanz zu einander, ein gesunder Körper begünstigt eine klare Geisteshaltung, eine Stabile Psyche wirkt sich positiv auf das körperliche Befinden aus. Darauf stützt sich die Wirkweise von Aequilibrium. Gleichgewicht ist kein statischer Zustand, den man einmal erreichen muß, um sich gut zu fühlen, sondern vielmehr ein Zustand welchen man durch entsprechendes Verhalten begünstigen kann. Es gleicht einem Pendel, welches dauernd um den Mittelpunkt schwingt. Ziel ist es, den Ausschlag des Pendels zu verringern und so näher am gewünschten Ideal zu bleiben. Je stabiler man seelisch und körperlich ist, um so weniger können uns Herausforderungen, Probleme und Erkrankungen so weit kippen, daß unser inneres Pendel den Idealzustand oder unseren Wohlfühlbereich nur noch kurzzeitig oder gar nicht mehr erreicht. Dafür brauchen wir Gleichgewicht, dazu gehört ein gesundes Selbstbewusstsein, denn diese beiden funktionieren als gegenseitige Stützen. Praktische Beobachtungen an Patienten zu diesem Thema werde ich später noch schildern.
Gleichgewicht durch Selbstbewusstsein, Selbstbewusstsein durch Gleichgewicht
Pferde sprechen eine gemeinsame Sprache, jedoch jedes von ihnen hat einen eigenen Dialekt. Sie ermöglichen uns Kommunikation im Rahmen ihrer charakterlichen, physischen und emotionalen Eigenschaften, welche innerhalb einer Rasse ähnlich sein können, jedoch von Tier zu Tier unterschiedlich ausgeprägt und gewichtet sind. Deshalb ist es der Reiter der lernen muss die Eigenheiten seines Gefährten zu verstehen und diese Erkenntnis als Grundlage für eine einvernehmliche Kommunikation anzuwenden. Dies erfordert ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen, Geduld und, optimaler Weise, ein gesundes Selbstbewusstsein. Kommen wir jetzt zu der Arbeit mit Pferden, und was das geschilderte in der Praxis bedeutet.
Warum Selbstbewusstsein und was genau hat das zu bedeuten?
Pferde sind Fluchttiere und sie suchen die Anlehnung an ein überlegenes, starkes Leittier, von dessen Klugheit und Mut das Überleben der anderen Herdenmitglieder abhängen kann. Mit ihrer hohen Sensitivität erkennen sie auch bei uns Menschen Unsicherheit und Schwäche, dementsprechend anspruchsvoll ist es, das Vertrauen und die Gefolgschaft eines Pferdes zu gewinnen, es sei denn, man entscheidet sich für die Verwendung technischer Hilfs(Zwangs-)mittel. Dieses jedoch schafft sicherlich kein Vertrauen, im Gegenteil, es herrscht eine Atmosphäre der Spannung, aus welcher das Pferd ausbricht, sobald die Grenze seiner psychischen Belastbarkeit erreicht ist. So passieren Reitunfälle.
Von der seelischen Seite aus betrachtet, ist ein gesundes Selbstbewusstsein eine grundlegende Voraussetzung. Es ist die Basis unser Stabilität, Belastbarkeit und inneren Stärke. Hier findet möglicherweise allzu oft eine Verwechslung mit Egozentrik statt. Was ich meine ist ein Selbstverständnis auf der Basis der Kenntnis und Akzeptanz der eigenen Schwächen und Stärken gleichermaßen, und die Bereitschaft zu lernen und abzulegen was sich als falsch oder destruktiv erweist. Die Akzeptanz der eigenen Schwächen ist die Grundlage für Toleranz gegenüber deren anderer und stellt die Basis für ein nachsichtiges, entgegenkommendes und einfühlsames Miteinander dar. Dieses Einfühlungsvermögen ist wichtig im Umgang mit dem Pferd, Vertrauen schafft Vertrauen.
Aequilibrium- die Methode
Warum unser Gleichgewicht so wichtig beim Reiten ist, möchte ich an einem Beispiel erklären. Stellen sie sich vor, sie tragen ein Kind mit einem Gewicht von ca. 7 kg im Nacken. Normalerweise ist das kein Problem, es sei denn das Kind hängt auch nur leicht zu einer Seite, denn dann werden Sie innerhalb weniger Minuten verspannte Muskeln und Rückenschmerzen haben. Nicht anders ergeht es Ihrem Pferd, wenn dieses einseitig belastet wird. Die Einheit Reiter-Pferd besteht aus der Summe zweier Gleichgewichte, dem des Reiters und dem des Pferdes, einem, wie ich es bezeichne, systemischen Gleichgewicht. Da weder der Körper des Reiters, noch der des Pferdes perfekt symmetrisch sind, kann man auch von einem systemischen Ungleichgewicht sprechen. Wie das üblicherweise gemacht wird, setzt man den Reitschüler auf ein gesatteltes Pferd und gibt ihm ein paar Anweisungen bezüglich seiner Körperhaltung. Mit Hilfe der Steigbügel überträgt er sein Ungleichgewicht auf das Pferd und lernt mit dem Kopf den Sattel zu reiten und mit den Zügeln dem Pferd seinen Willen aufzuzwingen.
Aequilibrium folgt einem anderen Prinzip.
Der Klient sitzt ohne Sattel auf dem Pferderücken, ohne Zügel, denn das Pferd wird von mir geführt, so hat er keinerlei Einfluss auf das Pferd und keine Möglichkeit sein Ungleichgewicht weiterzugeben. Dadurch lernt er nun durch Aktivierung bestimmter Muskelgruppen an seinem Rücken und Bauch das Gleichgewicht zu finden und durch synchrone Bewegungen mit dem Pferd es auch zu behalten. Unser Gleichgewicht kontrollieren wir durch die entsprechenden Organe im Ohr und auch mittels optischer Orientierung an erfahrungsgemäß senkrechten und waagerechten Objekten oder dem Horizont. Dies sind, wie ich es mir zu nennen erlaube, Krücken, welche die Entwicklung von Intuition und feinstofflicher Wahrnehmung behindern. Deshalb reitet der Klient bei mir mit geschlossenen Augen und hat die Aufgabe sich vorzustellen, die Hinterläufe des Pferdes seien seine eigenen Beine und er schreite mit denselben. Er lernt sich auf das Pferd einzustellen, die Bewegungsabläufe im Körper des Pferdes zu erfühlen, sich mit diesem zu verbinden und ihm zu vertrauen, denn er selbst hat keinerlei Kontrolle. Die Strategie die er dabei entwickeln muss um nicht vom Pferd zu fallen ist auf Einfühlungsvermögen, Sensibilität und Entgegenkommen aufgebaut. Eine gute Basis auch für den friedlichen Umgang mit den Mitmenschen, womit wir bei der therapeutischen Wirkung meiner Reitmethode wären.
